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Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Ikonen-Museum Frankfurt

Ikonen-Museum Frankfurt

Ralph Zade

Wenn man von der Konstablerwache aus durch die Kurt-Schumacher-Straße in Richtung Main geht und dann nach einiger Zeit die Alte Brücke erreicht, mit der seit einigen Jahren wieder hier stehenden Statue von Karl dem Großen (nun einer Kopie) als charakteristischem Kennzeichen, anschließend die Brücke überquert und so auf die Sachsenhäuser Seite des Mains kommt, stößt man auf einen barocken Baukomplex: den der Deutschordenskirche und des angrenzenden Deutschordenshauses. In letzterem (links von der Kirche) befindet sich im Durchgang zum Innenhof gegenüber von einem großen Kruzifix der Eingang zum Ikonen-Museum, auf das außen am Gebäude eine Fahne aufmerksam macht. Das Museum markiert den östlichen Rand des Frankfurter Museumsufers, an dem Museen mit unterschiedlichsten Themen wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind, teils in historischen, teils in modernen Museumsbauten, teils aber auch in Villen, die man für sie adaptiert hat.

Gleich links hinter dem Eingang befindet sich die Kasse mit Verkauf einiger themenbezogener Publikationen. Weiter hinten links öffnet sich dann der Zugang zu den Museumsräumen, die recht überschaubar sind: Ein großer Saal, links davon ein kleinerer und über dem großen auf einem Teil der Fläche eine zweite Etage. Der Innenausbau wurde 1989/90 von Oswald Mathias Ungers gestaltet, der am Museumsufer auch für den Umbau der Villa, die das Deutsche Architekturmuseum beherbergt, verantwortlich zeichnete. Man sieht gleich, dass die Ausstellung selbst eher traditionell gestaltet ist, weit weg etwa von dem modernen, designorientierten, Ausstellungstexte teils in Begleithefte und elektronische Begleitgeräte verbannenden Konzept des Museums Angewandte Kunst, dessen Dependance das Ikonen-Museum ist. Die Exponate sind durchweg mit Ausstellungstexten versehen, teils mit längeren, und diese benötigt man auch, denn wenn man sich nicht mit der Theologie der Ostkirche und entsprechenden Bildprogrammen auskennt, kann man zwar die Schönheit der Ikonen bewundern, ihre Hintergründe aber nicht verstehen. Das Museum ist klein, hat für den Interessierten dabei aber so viel zu bieten, dass man, wenn man Lust darauf hat, den Details der Ikonenmalerei nachzuspüren – die auch deshalb eine große Rolle spielen, weil einige der gezeigten Stücke winzige Details zeigen, die man nur bei hinreichender Bemühung erfasst – durchaus Stunden hier verbringen kann.

Der Kern des Ikonen-Museums besteht aus der Sammlung von ca. 800 russischen Ikonen des 18. und 19. Jahrhunderts, die der Königsteiner Kardiologe Jörgen Schmidt-Voigt (1917-2004) zusammengetragen und 1986 der Stadt Frankfurt gestiftet hat. Begünstigt wurde er bei seiner Sammeltätigkeit dadurch, dass er hochrangige sowjetische Politiker, darunter Leonid Breschnew und Jurij Andropow, ärztlich behandelte, und dadurch die Möglichkeit hatte, an entsprechende Werke zu kommen. Zur Ausstellung zählen heute aber auch zahlreiche kostbare Dauerleihgaben der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin, sowie durch Privatleute verliehene oder gespendete Werke. Die Ausstellung beschränkt sich deshalb nicht auf russische Ikonen, sondern umfasst auch Ausstellungsstücke griechischer, italo-kretischer, bulgarischer, rumänischer und äthiopischer Provenienz und überdies Ikonen bis zurück ins 16. Jahrhundert. Die Stücke sind dabei – abgesehen von den äthiopischen, die den kleineren Raum im Erdgeschoss einnehmen – nicht streng nach der Provenienz geordnet.

Die kleine äthiopische Sammlung sticht auch insofern heraus, als sie nicht nur Ikonen umfasst, sondern vor allem auch verschiedene Formen von Kreuzen: Kreuze, die auf Kirchtürmen angebracht wurden, Kreuze für Prozessionen, Handkreuze von Priestern, Kreuze als Schmuck. Hier gibt es eine große Anzahl von Varianten, die man mithilfe von Erläuterungen nachvollziehen kann. Darüber hinaus sind Kirchengeräte und in der Liturgie verwendete Textilien zu sehen. Die orthodoxe Kirche Äthiopiens nimmt innerhalb der Orthodoxie eine Sonderstellung ein; auch hierüber wird man informiert.

Im großen Saal findet sich ein großer Teil der Spitzenstücke des Museums. Die meisten Ikonen haben unbekannte Künstler geschaffen. Das hängt damit zusammen, dass Ikonen in erster Linie ihrer religiösen Zweckbestimmung dienten und nicht in erster Linie als Kunstwerke gesehen wurden (und werden), sodass es nicht auf Individualität ankam. Allerdings gibt es auch einige signierte Stücke, vor allem italo-kretische von Angelo Bissamano, Emmanuel Tzanes und Michailo Miljutin aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Hat man als Unkundiger beim Stichwort Ikone zunächst Darstellungen der Gottesmutter und einzelner Heiliger vor Augen, so kann man hier lernen, dass es verschiedene Typen von Ikonen gibt: z. B. Feiertagsikonen, die einem christlichen Feiertag gewidmet sind. Vielen wird nicht bekannt sein, dass im Ostergeschehen für die orthodoxe Kirche die Höllenfahrt Christi – um nach der Kreuzigung in der Vorhölle die Seelen der Gerechten seit Adam zu retten – das zentrale Heilsereignis zu Ostern ist und somit in der Regel auch auf Osterikonen dargestellt wird. Kalenderikonen zeigen die Heiligen des Zeitraums, den sie betreffen – oft ist das ein Monat; für jeden Tag ist der entsprechende Heilige zu sehen. Sammelikonen kombinieren verschiedene Darstellungen, wobei die einzelnen Darstellungen teilweise recht klein sind. Immer wieder kommt es vor, dass um eine zentrale Darstellung – etwa eines Heiligen – weitere kleinere Bilder gruppiert sind, in denen z. B. Szenen aus dem Leben dieses Heiligen dargestellt sind. Diese Art der Darstellung erinnert teils an einen Comic – auf diese Weise wurden nicht Schriftkundigen religiöse Inhalte vermittelt. Die Beschriftungen auf Ikonen sind in aller Regel auf Kirchenslawisch verfasst und somit zumindest Westeuropäern, selbst mit Russischkenntnissen, nur schwer zugänglich. Hier helfen die kompetenten Erläuterungen. Nicht nur das Spektrum an Darstellungen, auch das Spektrum an Techniken ist groß – es reicht von normalen gemalten Ikonen, über solche mit Silberreliefoberflächen bis hin zu Hinterglasikonen aus Rumänien.

Die Dauerausstellung wird durch Sonderausstellungen und Veranstaltungen ergänzt. Im Rahmen der Reihe „Ikonen-Begegnungen“ wird einmal im Monat eine Ikone kunsthistorisch wie auch theologisch erläutert. Das Ikonen-Museum bildet nicht nur den Abschluss der Reihe der Museen am Museumsufer – es ist ein Juwel besonderer Art, das Interessierten unvergesslich bleiben wird.

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Textquellen

Webauftritt des Museums: http://www.ikonenmuseumfrankfurt.de/ abgerufen am 07.07.2018.

Lemhöfer, Anne: Heilige Bildergeschichten in: Frankfurter Rundschau, 18.06.2015.

http://www.fr.de/rhein-main/freizeit/ikonenmuseum-in-frankfurt-heilige-bildergeschichten-a-460607 abgerufen am 07.07.2018.

Seite zum Ikonen-Museum auf frankfurt.de: https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=3796&_ffmpar[_id_inhalt]=102420 abgerufen am 07.07.2018.


Bildquellen

Vorschaubild: Gottesmutter von Wladimir. Die Muttergottes-Eleusa Ikone ist eine Arbeit kaiserlicher Werkstätten aus der Zeit der Komnenen, Konstantinopel um 1100.:Ajvol via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Deutschordenshaus und Deutschordenskirche Juni 2013, Urheber: Simsalabimbam via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Äthiopische Ikone mit dem heiligen Georg, 2004, Seabhcan via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Cycle of icons depicting the life of Jesus, 16th - 17th century, Arkhangelsk Regional Museum of Fine Arts, Urheber: Wmpearl via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Ikonen-Museum Frankfurt

Brückenstraße 3-7
60594 Frankfurt am Main

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