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Frank Meyer

Raum 101
Erzählungen über Männer

Von dem Konflikt mit dem Vater beim Froschschenkeljagen, den abenteuerlichen Gefühlen einer Kinderliebe, den bleibenden Momenten mit dem besten Freund, die erschütternden Erlebnisse beim Bund...teils einfühlsam, teils derb erzählen die Geschichten dieser Sammlung, wie Jungen und Männer sich in verschiedenen Lebensabschnitten bewähren... oder wie sie versagen. 

Praunheim

Praunheim

Ralph Zade

Wer nicht aus Frankfurt kommt, denkt bei Praunheim zunächst an den Filmregisseur Rosa von Praunheim, bürgerlich Holger Mischwitzky, der zwar nicht im Stadtteil geboren wurde, sondern in Riga, dann aber einen Teil seiner Jugend hier verbrachte und später mit dem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) bekannt wurde. Ein weiterer prominenter Praunheimer war der 2005 verstorbene Jazzmusiker Albert Mangelsdorff.

Die Wertschätzung, die Rosa von Praunheim mit der Wahl seines Pseudonyms zum Ausdruck gebracht hat, hat ihre Gründe – Praunheim hat viele Qualitäten und viele Facetten. Zunächst einmal ist der 6 km im Nordwesten des Zentrums von Frankfurt entfernt liegende Stadtteil ein grüner – er liegt nämlich nicht nur an der Nidda und damit am Frankfurter Grüngürtel, sondern umfasst auch kleine Gärtchen und liegt in der Nähe des Ginnheimer Wäldchens. In den Niddaauen bei Praunheim fand 1989 die Bundesgartenschau statt.

Interessant und einen Besuch wert ist Praunheim aber jederzeit auch für architektonisch Interessierte. Der alte Ortskern mit seinen im Verlauf noch durch die mittelalterliche Anlage geprägten engen Straßen – auch die Dorfbefestigungen sind teils noch nachzuvollziehen – weist einige bemerkenswerte historische Bauten auf. Mitten im Zentrum steht die Zehntscheune, die im 18. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt wurde, aber wohl schon seit dem 14. Jahrhundert existiert hat. Hier wurden früher die Naturalabgaben der Bauern gelagert, heute wird sie als Veranstaltungsort genutzt. Ebenso sehenswert ist die 1770-73 erbaute und 1949 nach Kriegszerstörung wieder aufgebaute evangelische Auferstehungskirche. Dazu kommen einige historische Fachwerkbauten, unter denen das Pfarrhaus in der Graebestr. und der Junkernhof hervorstechen. Dieser historische Kern steht im Kontrast zu modernen Bauten. Sind diese z. T. nicht besonders bemerkenswert, so gibt es doch zwei herausragende Ensembles moderner Architektur: die Siedlung Praunheim und die Siedlung Westhausen, die beide in den 20er Jahren im Rahmen des Bauprogramms „Neues Frankfurt“, das unter der Gesamtleitung von Ernst May stand, errichtet wurden.

Die Siedlung Praunheim ist die älteste im Rahmen des „Neuen Frankfurt“ erschaffene Siedlung; sie wurde in drei Bauabschnitten von 1926 bis 1930 erbaut. Hier sollte benachteiligten Bevölkerungsgruppen im Rahmen des Reichsheimstättengesetzes der Erwerb von günstigem Wohneigentum ermöglicht werden. Einzelne Bauten wie die Ebelfeldschule und die katholische Christ-König-Kirche haben den Status eines Kulturdenkmals. Zwar ist die Einheitlichkeit der Siedlung heute partiell durch Anbauten und auch durch von der ursprünglichen Farbgebung abweichende Fassadenanstriche durchbrochen, doch lässt sich die Siedlungsstruktur nach wie vor gut nachvollziehen.

Nicht nur die erste, sondern auch die letzte der im Rahmen des „Neuen Frankfurt“ entstandenen Siedlungen steht in Praunheim: die 1929-32 erbaute Siedlung Westhausen. Die Siedlung, die anders als die Siedlung Praunheim für Mieter konzipiert wurde, zeichnet sich durch einen rechtwinkligen Straßenverlauf aus. Ursprünglich wurden die Straßen mit Buchstaben bezeichnet, im „Dritten Reich“ dann nach Kolonialisten und ehemaligen deutschen Kolonien benannt, nach dem Krieg nach Gegnern des Nationalsozialismus. Wie auch in der Siedlung Praunheim waren die Häuser in der Siedlung Westhausen mit der von Margarete Schütte-Lihotzky konzipierten „Frankfurter Küche“ ausgestattet. Interessant ist in Westhausen außerdem der Friedhof Westhausen, v. a. deshalb, weil ein Teil davon, der Cimitero di Guerra Italiano, einer der vier Ehrenfriedhöfe in Deutschland für italienische Kriegsopfer ist. Hierbei handelt es sich vor allem um italienische Soldaten, die interniert wurden, nachdem 1943 Mussolini abgesetzt worden war, was zum Seitenwechsel Italiens im 2. Weltkrieg führte.

Die Geschichte des 1910 nach Frankfurt eingemeindeten Praunheim – der Namensbestandteil „Praun-“ kommt wohl von lat. „prunus“ – Pflaume –, beginnt weit vor dem, was heute noch sichtbar ist. Schon in der Jungsteinzeit war die Gegend besiedelt und in der Römerzeit gab es hier mehrere Militärlager. Der heutige Ort Praunheim wurde als „Brumheim“ zum ersten Mal 804 erwähnt. Kernstück Praunheims war ein Königshof. Die territoriale Zugehörigkeit Praunheims in den folgenden Jahrhunderten bewegte sich im Spannungsfeld zwischen hanauischem Besitz und der Grafschaft Solms-Rödelheim. Die örtliche Familie der Herren von Praunheim stellte mehrfach den Frankfurter Schultheiß. Das Kirchspiel Praunheim umfasste für unterschiedliche Zeitspannen mehrere heutige Frankfurter Stadtteile: Ginnheim, Rödelheim, Hausen und Heddernheim. Die Lössböden um Praunheim begünstigten im Zeitalter der Industrialisierung die Entstehung von Ziegeleien.

Heute verfügt Praunheim über eine bemerkenswerte Infrastruktur. Es gibt hier mehrere außergewöhnliche Schulen. Neben der architektonisch bedeutsamen Ebelfeldschule (früher eine Volksschule, heute eine Grundschule), die von Egon Kaufmann im Rahmen des „Neuen Frankfurt“ konzipiert wurde – damals noch unter dem Namen Hindenburgschule – sind das v. a. die Liebigschule, das einzige städtische Gymnasium Frankfurts, das über eine Sternwarte (und über eine beliebte Astro-AG) verfügt, und das Lycée français Victor Hugo. Ein Krankenhaus gibt es in Praunheim ebenfalls: das 1960 erbaute Krankenhaus Nordwest. Überregional bekannt sind auch die Praunheimer Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten. Seit 2017 verfügt der Stadtteil überdies über ein Vespa-Museum. Und nicht zuletzt hat einer der erfolgreichsten deutschen Fußballvereine Praunheimer Wurzeln: der 1. FFC Frankfurt, der aus der Frauenfußballabteilung der SG Praunheim hervorgegangen ist, wurde siebenmal deutscher Meister im Frauenfußball, sein Heimstadion befindet sich allerdings in Rödelheim. Knapp 16500 Einwohner hat Praunheim heute – dass die Zahl seit Jahren ansteigt, zeigt die Beliebtheit dieses interessanten und lebenswerten Stadtteils. Dieser ist von Frankfurter Stadtzentrum aus bequem mit der U-Bahn-Linie 7 zu erreichen – ein Besuch lohnt sich.


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Bildquellen:

Vorschaubild: Die Auferstehungskirche von Süden, 2011, Urheber: Frank Behnsen via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0; Fachwerkhaus Alt-Praunheim, 2018, Urheber: Nadi2018 via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0; Frankfurt-Praunheim, Heinrich-Lübke-Siedlung, Wohnhochhaus am Anfang der Heinrich-Lübke-Straße, 2013, Urheber: 25asd via Wikimedia Commons CC0; Crossing "Am Ebelfeld"/"Eberstadtstrasse"/"Praunheimer Hohl" (Siedlung Praunheim, Frankfurt am Main, Germany), Urheber: Arbagit via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Alt Praunheim 44 um 1900, 2019, Urheber: Woelle ffm via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Blick aus dem Damaschkeanger auf Am Ebelfeld, 2008, Urheber: Arbagit via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Wohnhaus an der Ludwig-Landmann Straße, 2005, Urheber: Adornix via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Backhaustor mit Heerstraße 4 in Frankfurt Praunheim, 2019, Urheber: Woelle ffm via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Textquellen:

Hansmann, Alfred : 1200 Jahre Praunheim – Eine Reise in die Vergangenheit, Frankfurt a. M., 2004.

Seite zu Frankfurt auf frankfurt.de: abgerufen von >https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar[_id_inhalt]=12977< am 03.10.2019.

Webseite der Ernst-May-Gesellschaft zur Siedlung Praunheim: abgerufen von >https://ernst-may-gesellschaft.de/wohnsiedlungen/praunheim.html< am 03.10.2019.

Webseite der Ernst-May-Gesellschaft zur Siedlung Westhausen: abgerufen von >https://ernst-may-gesellschaft.de/wohnsiedlungen/siedlung-westhausen.html< am 03.10.2019.

Praunheim in Landesgeschichtlichen Informationssystem Hesssen: abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/current/1/sn/ol?q=Praunheim< am 03.10.2019.

Broschüre des Stadtplanungsamts Frankfurt zum Planungsprozess Ortsmitte Praunheim: abgerufen von >https://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/show.php?ID=13265&psid=o4bca7eglqvs65f7oencg89cs0< am 03.10.2019.

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