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Über Werte und Tugenden

Florian Russi

Mehr denn je wird über die althergebrachten Werte und Tugenden diskutiert. Sind Tugenden und Werte Begriffe aus der Klamottenkiste oder bestimmen sie auch heute noch unser Handeln? 

Die Nizza-Anlage am Mainufer

Die Nizza-Anlage am Mainufer

Sabine Gruber

Wie im 18. und 19. Jahrhundert viele Parkbesitzer kleine Schweizen mit Schweizerhäuschen, Almhütten und entsprechender alpenländischer Vegetation anlegten, entstanden vielerorts auch mediterran gestaltete Orte, die man manchmal nach der schönen Stadt an der Côte d‘Azur „Nizza“ nannte. In ihrer Begeisterung für mediterrane Vegetation leisteten sich auch die Frankfurter ihr Nizza. Die zunächst im Volksmund und später auch offiziell so benannte Parkanlage wurde in den Jahren 1860 bis 1875 entlang des Untermainkais zwischen der Friedensbrücke und der Untermainbrücke angelegt, dort wo sich zuvor der, inzwischen zugeschüttete, Winterhafen am sogenannten Kleinen Main erstreckte. Die heute 4,42 ha große Anlage wurde subtropisch mit Feigenbäumen, Palmen, Zedern, Zitronenbäumen und anderen südländischen Bäumen und Sträuchern bepflanzt (die damals allerdings zum Teil im Winter in eine Orangerie gestellt werden mussten). Der Plan für die Anlage wurde noch von dem 1861 verstorbenen langjährigen Stadtgärtner Sebastian Rinz entworfen, welcher auch die Planung der Wallanlagen, die ersten öffentlichen Grünanlagen Frankfurts, übernahm. Der neue Stadtgärtner Andreas Weber (1832-1901), ein Enkel von Rinz, an den im Park eine Plakette erinnert, führte die Pläne von Rinz aus. Unter anderem ließ er die den Park durchquerende Platanenallee anlegen.

Bereits wenige Jahrzehnte nach seiner Anlage war der Park bereits so populär, dass sogar das Meyersche Konvcrsationslexikon von 1906 „die reizende, wegen ihrer südlichen Flora Nizza benannte Promenade“ in seinem Frankfurt-Artikel für erwähnenswert hielt. Schon kurz nach ihrer Fertigstellung wurde die neue Anlage im Architekturführer „Frankfurt und seine Bauten“ von 1886 ausführlich gewürdigt und zugleich wurde erklärt, weshalb hier so viele südländische Pflanzen gedeihen konnten: „Der dieser Anlage durch eine hohe Quaimauer und durch die hinter derselben sich erhebenden Gebäude gewährte Schutz gegen die rauen Nord- und Nordostwinde, die gegen Süden offene, den freien Zutritt von Licht und Wärme gestattende Lage, sowie die Ausdünstung des nahen Flusses haben in ihrer Zusammenwirkung die Anpflanzung einer Menge von sonst nur in südlicheren Gegenden überwinternden Gewächsen ermöglicht. Als auch den Laien interessierend, sei besonders eine stattliche Wellingtonia (Kalifornischer Mammutbaum) hervorgehoben, welche auch den verderblichen Winter 1879-80 glücklich überdauert hat.“

Weil das 19. Jahrhundert die große Zeit der Kurorte war, war man sehr glücklich, als man auf dem Gelände des Parks schwefelhaltiges Heilwasser entdeckte, das der eigens hierher in einen Pavillon verlegte Grindbrunnen spendete (der auch vorher schon als Heilquelle diente). Das Nizza konnte nach 1886 nicht nur zur Erholung, sondern auch für Trinkkuren genutzt werden. Über ein ländliches Fest an dem damals noch an anderer Stelle befindlichen Grindbrunnen, das ihn als Kind faszinierte, hatte schon Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ berichtet: „An dem rechten Ufer des Mains unterwärts, etwa eine halbe Stunde vom Tor, quillt ein Schwefelbrunnen, sauber eingefaßt und mit uralten Linden umgeben. Nicht weit davon steht der ‚Hof zu den guten Leuten‘, ehmals ein um dieser Quelle willen erbautes Hospital. Auf den Gemeinweiden umher versammelte man zu einem gewissen Tage des Jahres die Rindviehherden aus der Nachbarschaft, und die Hirten samt ihren Mädchen feierten ein ländliches Fest mit Tanz und Gesang, mit mancherlei Lust und Ungezogenheit.“ Während den jungen Goethe vor allem das pittoreske Schauspiel rund um den Brunnen faszinierte, analysierte 1876 ein Beitrag in der „Vierteljahrschrift für die praktische Heilkunde“ nüchtern die Zusammensetzung des Brunnenwassers: „Der Grindbrunnen bei Frankfurt a. M. ist von Hofrath R. v. Fresenius einer neuen chemischen Analyse unterzogen worden. Nach dem Resultate derselben gehört diese seit Jahrhunderten bekannte, in manchen Zeiten viel gepriesene und benutzte, in anderen vernachlässigte und gering geachtete Quelle zu den starken Schwefelquellen mit erheblichem Kochsalzgehalt und einem mässigen Gehalte an doppeltkohlensaurem Natron und einen [!] sehr beachtenswerthen Gehalt an Bromnatrium, Jodnatrium und kohlensaurem Lithium.“ Anfang der 60er Jahre wurde der neue Grindbrunnen stillgelegt. Die alte Fassung des Brunnens wurde ein weiteres Mal, an den Westhafen, verlegt. Um das „Wellness-Erlebnis“ perfekt zu machen, wurden Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts noch Bademöglichkeiten am Nizza geschaffen, die im Sommer genutzt werden konnten.

1932 wurde der Park erstmals erweitert. Zu Beginn der 50er Jahre folgte eine zweite Erweiterung. Eine 1951 im Rahmen dieser Erweiterung im Park aufgestellte dreieinhalb Meter große Äquatorialsonnenuhr zeigt nicht nur die Frankfurter Zeit, sondern auch die Zeit zahlreicher anderer Städte. Sie wurde von den damaligen Heddernheimer Kupferwerken angefertigt. Nachdem der Park gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend verfiel und immer weniger zur Erholung genutzt wurde, wurde er in den Jahren 2000 bis 2005 unter Leitung von Rainer Gesell-Schulte umfassend saniert und zum Teil neu bepflanzt. Nahe der Untermainbrücke besteht heute im Restaurant Main Nizza eine Einkehrmöglichkeit mit Blick auf den Park und den Main mit dem gegenüberliegenden Museumsufer.


*****

Textquelle:

Baedekers: Allianz-Taschenbücher, Frankfurt am Main: Stuttgart/Freiburg, 1983.

Kramer, Waldemar: Frankfurt-Lexikon. Sonderausgabe für das Stadtschulamt Frankfurt. Frankfurt a. M., 1960.

Frankfurt am Main und seine Bauten, Hrsg. vom Frankfurter Architekten- und Ingenieurverein, Frankfurt a. M., 1886.

Goethes Poetische Werke: Vollständige Ausgabe, Achter Band. Autobiographische Schriften, Erster Teil, Stuttgart, 1952.

Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 6. Leipzig, 1906.

Vierteljahrschrift für die praktische Heilkunde, Hrsg. von der medicinischen Fakultät in Prag, 33. Jg., 1876.

>http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2793&... < abgerufen am 03.11.2017.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Nizza_(Frankfurt_am_Main)< abgerufen am 03.11.2017.


Bildquelle:

Vorschaubild: Das „Nizza“, eine Parkanlage zwischen Friedens- und Untermainbrücke, am nördlichen Mainufer in Ffm, 2010, Urheber: Dontworry via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Insel Mainlust und Kleiner Main vor 1858, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Das Nizza um 1900, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Grindbrunnen Nizza um 1909, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons gemeinfrei.

Sonnenuhr in Frankfurt am Main, 2010, Urheber: Alex1011 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

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