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Zu Gast in Weimar

George Eliot; deutsche Übersetzung: Nadine Erler

Zu den vielen Künstlern, die es nach Weimar zog, gehörte auch die englische Schriftstellerin George Eliot. Im Sommer 1854 verbrachte sie drei Monate im kleinen, doch weltberühmten Städtchen an der Ilm. George Eliots schriftlich festgehaltenen Eindrücke sind äußerst amüsant. Dieser Blick einer Fremden lässt Weimar in anderem Licht erschienen.

Broschüre, 40 Seiten, 2019


Das Jügelhaus

Das Jügelhaus

Sabine Gruber

„Drei und ein halbes Jahr sind vergangen, seit Sie mir das Blatt, auf welchem die Grundzüge für die Errichtung eines Auditoriengebäudes in knappen Worten verzeichnet sind, übergeben haben. Anderthalb Jahre vorbereitender Verhandlungen bedurfte es, bis die Grundstückverhältnisse geordnet waren und der Bau begonnen werden konnte. In wenig mehr als zwei Jahren angestrengter Arbeit ist der Bau ausgeführt und vollendet worden, trotz mannigfacher Schwierigkeiten, die sich dem Arbeitsbetrieb entgegenstellten.“

Diese Worte richtete der Baurat Ludwig Neher (1850-1916) nach der offenbar nicht ganz einfachen Fertigstellung eines neuen Hörsaalgebäudes an den Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes (1846-1915). Zum Zeitpunkt der feierlichen Einweihung des Neubaus am 21. Oktober 1906 war das an der Jordanstraße gelegene Gebäude noch nicht als Hauptgebäude der Frankfurter Goethe-Universität vorgesehen, sondern es sollte der Akademie der Sozial- und Handelswissenschaften als Hörsaal- und Verwaltungsgebäude dienen. Das später als Jügelhaus bezeichnete Gebäude gehörte zu einem repräsentativen Bauensemble, das die Sitze mehrerer wissenschaftlicher Einrichtungen auf einem Gelände vereinte und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nahe der Bockenheimer Landstraße entstand. Zu dem Ensemble gehörten das Gebäude des Physikalischen Vereins, das Museum der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, das Bibliotheksgebäude der Senckenbergischen Stiftung und das am 21. Oktober 1906 seiner Bestimmung übergebene Hörsaalgebäude, das als erstes der neuen Gebäude entstanden war.

Die Gründung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften verdankte sich, wie die Entstehung zahlreicher anderer Einrichtungen in Frankfurt, privaten Stiftungen. Die wichtigste Rolle spielte dabei die Stiftung, die die Brüder August und Franz Jügel dem Andenken ihres Vater Carl Christian Jügel (1783-1869) gewidmet hatten. Nach einer aus Anlass der Einweihung des Jügelhauses erschienenen Broschüre, die Erläuterungen zu dem 1906 seiner Bestimmung übergebenen Neubau sowie die bei der Einweihung gehaltenen Reden enthält, musste „das Jügelhaus ebensowohl den repräsentativen Charakter einer Alma Mater als alle praktischen Einrichtungen eines modernen Studiengebäudes erhalten“. Wie bei vielen Gebäuden der Gründerzeit war auch hier eine modernen Erfordernissen genügende Inneneinrichtung genauso wichtig wie ein repräsentatives Äußeres. Während das in rotem Mainsandstein gestaltete neobarocke Äußere des Jügelhauses, wie damals üblich, an die Architektur der Vergangenheit anknüpfte, war das Innere zwar auch repräsentativ gestaltet, vor allem aber durch seine Funktionalität bestimmt. Das Gebäude aus einem Mittelbau und zwei Seitenflügeln bot Platz für zehn Hörsäle verschiedener Größe für 60, 80, 100, 150 und 250 Zuhörer (Zuhörerinnen waren damals noch nicht vorgesehen). Daneben gab es Räume für Sitzungen, Arbeitsgruppen und für Pausen sowie Verwaltungsräume und – damals noch innovativ – ausreichend Stellplätze für Fahrräder. An Parkplätze für Autos war dagegen noch nicht gedacht worden.

Im die Aula und das Auditorium Maximum beherbergenden zweiten Obergeschoss trafen nach Nehers Entwurf die beiden Haupttreppen in einem Atrium zusammen. Anders als frühere große Hörsäle war das 250 Sitze umfassende Auditorium Maximum mit „elektrisch betriebenen Verdunkelungs- und Projektionsvorrichtungen“ versehen, die es ermöglichten, fotografische Anschauungsobjekte zu zeigen. Nicht zuletzt war bei dem Gebäude durchaus auch an touristische Aspekte gedacht worden, denn „die Terrassen über dem Festsaal“ boten, so die zur Einweihung veröffentlichte Broschüre, „Austritt in die freie Luft und den Genuß eines herrlichen Blicks auf Frankfurt und seine weitere Umgebung“.

Mit seiner Inbetriebnahme als Hörsaal- und Verwaltungsgebäude für die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften war die Karriere des neuen Gebäudes noch nicht beendet. Als einige Jahre später die Pläne für die neu zu gründende Goethe-Universität ausgearbeitet wurden, die unter anderem auch durch die Jügelstiftung ermöglicht worden war, wurde das Jügelhaus als neues Hauptgebäude ausgewählt. Dass eines der drei Medaillons an der Fassade neben Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt auch Johann Wolfgang Goethe zeigte, traf sich deshalb gut. Zum Jügelhaus hinzu kamen neu zu errichtende Gebäude, sodass sich der Bockenheimer Universitäts-Campus als interessanter Stilmix darbot. Vor allem die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hinzugekommenen, von Universitätsbaumeister Ferdinand Kramer geplanten Universitätsgebäude boten mit ihrem einfachen, funktionalen Erscheinungsbild einen starken Kontrast zu den älteren Gebäuden des Campus. Fast auf den Tag genau acht Jahre nach der feierlichen Einweihung des Jügelhauses wurde am 18. Oktober 1914 in dessen Aula die Goethe-Universität als erste deutsche Stiftungsuniversität ins Leben gerufen. Die ursprünglich hier beherbergte Handelsakademie wurde Teil der Universität.

Wie auch andere Gebäude der Universität wurde das Jügelhaus im Zweiten Weltkrieg beschädigt und nach dem Krieg von Ferdinand Kramer umgebaut, vor allem der immer wieder kritisierte Eingangsbereich wurde erweitert. Auch nicht zu der von ihm vertretenen schlichten Formensprache passende Schmuckelemente ließ Kramer entfernen. Das Prinzip der Campusuniversität wurde durchbrochen, als sich einige naturwissenschaftliche Institute auf dem Riedberg ansiedelten. Zu Beginn des dritten Jahrtausends zogen dann die meisten Einrichtungen des Bockenheimer Campus ins Westend um. Auch das Jügelhaus ist seit 2012 kein Gebäude der Universität mehr. Es gehört jetzt der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

 

*****

Textquellen: 

Das Jügelhaus, das neue Auditoriengebäude der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften zu Frankfurt a. M. und die bei seiner Einweihung am 21. Oktober 1906 gehaltenen Reden, Jena, 1907.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Heilbrunn, Ludwig: Die Gründung der Universität Frankfurt a. M., Frankfurt a. M., 1915.

Zoske, Sascha: Ein Geschenk liberaler Bürger an ihre Stadt in: Frankfurt am Main zwischen Goethe-Klassik und Bankenhauptstadt, Alexander, Matthias (Hrsg.), Frankfurt a. M., 2014 (= F.A.Z.-eBook 36).

>https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCgelhaus< abgerufen am 04.07.2022.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_J%C3%BCgel< abgerufen am 04.07.2022.

>https://frankfurt.de/themen/kultur/baukultur/kulturdenkmale-und-denkxweb/juegelhaus< abgerufen am 04.07.2022.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Frankfurt Bockenheim Jügelhaus, 2009, Urheber: 25asd via Wikimedia Commons CC0.

Ludwig Neher, Jügelhaus (Wandelhalle 2. Obergeschoss), 1907, Photographie: Friedrich Lauffer via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Ludwig Neher, Jügelhaus (Zentralbibliothek), 1907, Photographie: Friedrich Lauffer via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Denkmal mit Reliefbildnis des Stifters Carl Jügel im Erdgeschoss des Jügelhauses in Frankfurt am Main, 1907 von Bildhauer Augusto Varnesi via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

 

 

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