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Über Werte und Tugenden

Florian Russi

Mehr denn je wird über die althergebrachten Werte und Tugenden diskutiert. Sind Tugenden und Werte Begriffe aus der Klamottenkiste oder bestimmen sie auch heute noch unser Handeln? 

Frankfurt 1920 – Unter französischer Besetzung

Frankfurt 1920 – Unter französischer Besetzung

Ralph Zade

Am 7. April 1920 gegen 3 Uhr kam es bei der Wachablösung an der Hauptwache aus der Menge heraus zu Beschimpfungen der Soldaten der französischen Besatzungsmacht. Daraufhin feuerten die überwiegend marokkanischen Soldaten, die sich bedroht fühlten, ohne Vorwarnung. Sechs Personen starben, 30 wurden verletzt, von diesen starben später weitere drei. Das war der dramatischste Moment der französischen Besetzung Frankfurts im Jahre 1920, die vom 6. April bis zum 17. Mai 1920 dauerte, wenn man die Frankfurter Kernstadt betrachtet – verschiedene heutige Stadtteile von Frankfurt waren wesentlich länger besetzt, nämlich von 1919 bis 1930.

Dass Frankfurt in seiner Geschichte überhaupt einmal von französischen Truppen besetzt war, ist heute vor allem Goethe-Lesern bekannt. Frankfurts größter Dichter berichtet in „Dichtung und Wahrheit“ über die Besetzung im Siebenjährigen Krieg, die 1759 begann und vier Jahre dauerte. Das war beileibe nicht die einzige derartige Okkupation. In den Revolutionskriegen wurde die Stadt gleich mehrfach militärisch von den Franzosen besetzt – 1792, 1796, 1800 und 1806. Das von 1810-1813 bestehende Großherzogtum Frankfurt war ein französischer Satellitenstaat, der aber nicht unmittelbar französisch besetzt war. 1813 zog die französische Armee an Frankfurt vorbei, wobei Napoleon kurzzeitig im damals noch nicht zu Frankfurt gehörenden Höchst Quartier nahm. Danach kam es für über hundert Jahre zu keiner Besetzung mehr – Krieg gab es aber dennoch, nämlich den von 1870/71, der auch etwas mit Frankfurt zu tun hat – er wurde durch den Frankfurter Frieden beendet.

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich aufgrund des Vertrags von Versailles verpflichtet, die Gebiete links des Rheins zu demilitarisieren. In das entsprechende Territorium rückten alliierte Truppen ein. Mit der Rheinlandbesetzung wurde das Ziel verfolgt, Frankreich vor einem neuen deutschen Angriff zu schützen und die Reparationszahlungen, zu denen das Reich sich hatte verpflichten müssen, zu sichern. Dabei gab es verschiedene Besatzungszonen – die französische Zone umfasste u. a. Mainz. Mainz bildete auch einen der sogenannten Brückenköpfe, um die herum ein Gebiet im Radius von 30 km Teil der Besatzungszone bildete – diese reichte an den Brückenköpfen folglich über den Rhein hinaus. Frankfurt war, da es rechts des Rheins liegt und sein Stadtzentrum mehr als 30 km von Mainz entfernt ist, mit der Kernstadt kein Teil der französischen Besatzungszone, das galt aber nicht für einige Vororte, die heute Frankfurter Stadtteile sind; insbesondere zählte Höchst zum besetzten Gebiet – ein „Grenzübergang“, der nur durch Personen mit Sonderausweis passiert werden durfte, befand sich zwischen dem ebenfalls besetzten Griesheim und dem Gallusviertel, eine Grenze verlief auch zwischen dem besetzten Sossenheim und der Rödelheimer Gemarkung.

Am 13. März 1920 versuchten in Berlin rechtsgerichtete Putschisten um den preußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp und den General Walther von Lüttwitz die Macht zu ergreifen. Als Reaktion hierauf kam es zu einem Generalstreik, im Ruhrgebiet außerdem zu einem meist als „Ruhrkampf“ bezeichneten Aufstand linksgerichteter Arbeiter. Um diesen niederzuschlagen, entsandte die mittlerweile wieder fest im Sattel sitzende Regierung in Berlin Freikorps und Reichswehrtruppen ins Ruhrgebiet. Das stellte einen Verstoß gegen die vertraglichen Verpflichtungen des Deutschen Reiches dar, da das Ruhrgebiet zur demilitarisierten Zone gehörte, in der sich keine deutschen Truppen aufhalten durften. Als Vergeltungsmaßnahme dagegen besetzte Frankreich die nicht zur besetzten Zone gehörenden Städte Frankfurt, Darmstadt, Hanau und Homburg. U. a. an Frankfurter Litfaßsäulen wurden Plakate angebracht, die die Besetzung mit dem Einrücken ins Ruhrgebiet begründeten und ankündigten, dass diese beendet werde, wenn sich die deutschen Truppen aus dem Ruhrgebiet zurückzögen. Die französischen Truppen rückten über die Mainzer Landstraße und die Eschersheimer Landstraße in Frankfurt ein, ein Teil kam auch mit der Bahn. Das Hauptquartier der Besatzer befand sich zunächst im Hotel Imperial an der Alten Oper.

Das Blutbad an der Hauptwache am 7. April löste ein erhebliches Presseecho aus. Besonders thematisiert wurde dabei die Tatsache, dass es sich bei den Truppen im Wesentlichen um Soldaten aus Marokko handelte – dass man sich solchen gegenübersah, wurde entsprechend den rassistischen Stereotypen der Zeit, nach denen Nichtweiße als minderwertig betrachtet wurden, als zusätzliches Problem empfunden. Dabei kursierten auch allerlei falsche Gerüchte, so z. B. die Behauptung, Soldaten aus dem Senegal seien im Goethehaus einquartiert worden. (Es nahmen zwar Soldaten aus dem Senegal an der Besetzung teil, eine Einquartierung im Goethehaus gab es jedoch nicht.) Der Einsatz von Kolonialtruppen durch die Franzosen, der sich nicht nur auf die Ereignisse in Frankfurt, sondern auf die ganze Rheinlandbesetzung erstreckte, wurde später von rechten Kreisen und auch den Nazis zwecks rassistischer Stimmungsmache aufgegriffen; die sogenannte „Schwarze Schmach“ – man unterstellte den Kolonialtruppen unter anderem Übergriffe gegenüber deutschen Frauen – wurde in der damaligen deutschen Gesellschaft, die sich durch den Versailler Vertrag ohnehin gedemütigt fühlte, als zusätzliche Erniedrigung wahrgenommen, was die Verwendung dieser Thematik in der Propaganda zum effektiven Mittel machte.

Am 14. April fand auf dem Opernplatz eine Militärparade statt, an der auch belgische Truppen beteiligt waren – nachdem diese zur Unterstützung gekommen waren, wurden Kolonialtruppen aus der Stadt abgezogen. Von der Parade abgesehen, bemühte man sich um geringere Sichtbarkeit, um die Lage zu beruhigen. In der Folge verlief die Besetzung weitgehend ohne spektakuläre Vorkommnisse. Am 17. Mai 1920 wurde sie schließlich beendet.

In den westlichen Vororten Frankfurts, die 1928 nach Frankfurt eingemeindet wurden – und zur ursprünglichen und dann wieder maßgeblichen Besatzungszone gehörten – dauerte die Besetzung formal bis 1930, de facto zogen die französischen Truppen schon Mitte Dezember 1929 ab. Bis zur nächsten Besetzung nach dem nächsten verlorenen Krieg sollte es gerade einmal 16 Jahre dauern: In die Kaserne, die die Franzosen 1923-26 in Höchst für ihre Truppen gebaut hatten, zogen im Jahre 1945 amerikanische Besatzungstruppen ein.

 

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Textquellen: 

Zeitgenössischer Bericht über die Besetzung Frankfurts im Bundesarchiv: abgerufen von >https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/1100/mu1/mu11p/kap1_2/para2_25.html< am 12.07.2022.

Artikel von Alexander Ruhe aus der Reihe Frankfurter Zeitungs-Archäologie: abgerufen von >http://www.fws-ffm.de/besetztes%20Frankfurt%201920.html< am 12.07.2022.

Beitrag in der FNP zu den verschiedenen Besetzungen Frankfurts: abgerufen von >https://www.fnp.de/frankfurt/main-franzoesische-nationalflagge-wehte-10450737.html< am 12.07.2022.

Seite im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen zur Besetzung Frankfurts: abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/browse/current/21/section/3/sn/edb< am 12.07.2022.

Seite im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen zu den Geschehnissen an der Hauptwache am 7.4.1920: abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/browse/current/22/section/3/sn/edb< am 12.07.2022.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Frankfurt-Höchst, Besatzungsdenkmal, 2012, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0.

Aus der Franzosenzeit, 1894, Urheber: Ernst Henseler via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Francfort la place Illustration 17 mai, 1920, Urheber: G.Garitan via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0,

McNair Kaserne Frankfurt-Höchst, 1950, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons  public domain.

 

 

 

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