Frankfurt-Lese

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Prof. Dr. Erich Schäfer (Hrsg)

Das Weiterbildungszentrum Ravensberger Spinnerei in Bielefeld

Das Weiterbildungszentrum Ravensberger Spinnerei steht exemplarisch für die architektonische Umsetzung pädagogischer Prinzipien. Das umgebaute Industriedenkmal hat eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Mit diesem Buch liegt eine historische Dokumentation vor, die mit aktuellen wissenschaftlichen Bezügen einen Beitrag zur Erschließung und Öffnung von Räumen für Bildungswecke leistet.

Unser Leseangebot

Der Westendbrunnen und die Familie Malapert

Sabine Gruber

Rund um die Einmündung der Myliusstraße in die Bockenheimer Landstraße im Frankfurter Westend, wo im 19. Jahrhundert Landhäuser mit großen Gartenanlagen das Bild prägten, werden heute Mehrfamilienhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert von Bürohochhäusern überragt. Auf dem Platz vor dem Bürohaus an der Bockenheimer Landstraße 64 steht etwas verloren ein alter Pumpenbrunnen (oder besser: dessen Kopie), der noch an die frühe Zeit des Westends erinnert, als es die Frankfurter, die es sich leisten konnten, aus der engen Innenstadt in den seit der Mitte des 18. Jahrhunderts neu entstandenen grünen Stadtteil jenseits der Stadtbefestigung zog. Die Gontards hatten hier ein Gartenhaus, der Bankier Leonhardi eine Gartenvilla und die Rothschilds ein Palais. Anders als die Mehrzahl der heute noch erhaltenen Frankfurter Brunnen war der Pumpenbrunnen aus der Frühzeit des Westends ursprünglich kein öffentlicher Brunnen, sondern stammte aus einem der Landsitze vor den Toren der Stadt, dessen Grundstück ungefähr an der heutigen Bockenheimer Landstraße 64 lag.

Dieser Landsitz gehörte der Familie Malapert, deren Mitglieder wie die anderer bekannter Frankfurter Familien aus religiösen und/oder wirtschaftlichen Gründen aus dem Ausland in die Messestadt übersiedelt waren. Die Familie Malapert stammte ursprünglich aus Mons in der wallonischen Region Belgiens. Von dort wanderten ihre Mitglieder in unterschiedliche Handelsstädte aus. Die nach Frankfurt ausgewanderten Brüder Nicolas und David Malapert sind seit den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts in Frankfurt bezeugt. Wenige Jahre später, im Jahr 1602, wanderte auch der Vater der beiden, Louis Malapert, nach Frankfurt aus. Durch die Heirat eines Sohnes des Seidenhändlers Nicolas Malapert, Abraham, verschwägerten sich die Malaperts mit den Frankfurter du Fays, einer sehr wohlhabenden Familie. Zwei Söhne Abraham Malaperts pachteten das in Bad Soden ansässige Salzwerk, das der Familie bis ins frühe 19. Jahrhundert nahezu eine Monopolstellung im Frankfurter Salzhandel sicherte. Die Nachfahren der in Frankfurt eingewanderten Familienmitglieder ergriffen auch andere Berufe und wurden Juristen oder Offiziere oder engagierten sich in der Frankfurter Kommunalpolitik. Friedrich Philipp Wilhelm von Malapert-de Neufville (1784-1852) amtierte von 1827 bis 1830 sogar als Frankfurter Älterer Bürgermeister.

Friedrich Wilhelm von Malapert (1700-1775) schließlich zog es wie andere wohlhabende Frankfurter in das neu angelegte heutige Westend. Um 1770 ließ er in seinem Garten im Stil des Spätbarock an der heutigen Bockenheimer Landstraße 64 ein zweigeschossiges Landhaus errichten. In seinem Garten war zuvor schon der junge Goethe zu Gast gewesen, der dort den „schönen Nelkenflor“ bewundert und sich „in einer benachbarten Laube“ an altem „Rheinwein in geschliffenen Flaschen“ und schönem Obst erfreut hatte. Um das Jahr 1800 wurde in dem Garten auch ein klassizistischer und damals die modernste Technik repräsentierender Pumpenbrunnen errichtet. Der elegant wirkende Brunnen bestand aus einer geriffelten dorischen Säule, auf der eine schlanke Deckelvase mit Blattverzierung stand, und einem schmalen ebenfalls geriffelten Brunnenbecken unten an der Säule. Nachdem der Besitz im Jahr 1844 an Jakob Speltz verkauft worden war, ließ dieser den Garten im englischen Stil umgestalten. Den Brunnen beließ er in seiner ursprünglichen Gestalt.

Nicht nur die Gartenumgestaltung überlebte der Brunnen, sondern auch den Abriss des Malapertschen Landhauses im Jahr 1958. Der Brunnen, der einem aufmerksamen Bürger aufgefallen war, wurde jetzt zu einem öffentlichen Brunnen, dem Westend-Brunnen, und auch ein Pumpenschwängel musste nicht mehr betätigt werden, um an sein Wasser zu gelangen. Wegen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg, seiner verkehrsreichen Umgebung und allerlei Witterungseinflüssen musste der Brunnen Ende der siebziger Jahre durch eine originalgetreue Kopie ersetzt werden. Wenn man sich heute auf die Mauer rund um den Brunnen setzt, kann man sich gedanklich in die Zeit der Landsitze im Westend zurückversetzen, auch wenn ringsum der Verkehr tost, und vielleicht findet sich im nahegelegenen öffentlichen Bücherschrank sogar das passende Buch dafür …

 

Adresse:

Wiesenau 1

60323 Frankfurt am Main

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Textquellen: 

Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1921

Goethes Leben von Tag zu Tag. Eine dokumentarische Chronik von Robert Steiger. Bd. 1. 1749-1775. Zürich/München 1982

Dieter Luippold: Baedeker Allianz-Reiseführer Frankfurt am Main. 2011

Hans Lohne: Mit offenen Augen durch Frankfurt. Ein Handbuch der Brunnen, Denkmäler, Gedenkstätten und der Kunst am Bau. Frankfurt a. M. 1969

Tobias Picard: Neufville, Familie de. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/625< (abgerufen am 9.6.2024)

>https://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de/de/page110.html?id=229&kuenstler=7< (abgerufen am 9.6.2024)

>https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Brunnen_in_Frankfurt_am_Main< (abgerufen am 9.6.2024)

>https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurt-Westend< (abgerufen am 9.6.2024)

 

Bildquelle:

Frankfurt, Westendbrunnen, 2010, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia commons CC0 1.0 Universal.
 
 

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