Frankfurt-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Frankfurt-Lese
Unser Leseangebot

Erbsensoldaten

Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Hegel in Frankfurt

Hegel in Frankfurt

Ralph Zade

Den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) verbindet man gemeinhin mit seinem Geburtsort Stuttgart, seinem Sterbeort Berlin, an dem er in seiner letzten Lebensphase als Professor wirkte und den Höhepunkt seiner Karriere erlebte, darüber hinaus noch mit der Zeit im Tübinger Stift, oder auch mit Jena, wo seine Universitätskarriere begann. Dass Hegel auch in Frankfurt wichtige Jahre verbrachte und hier auch einen seiner Freunde aus dem Tübinger Stift wiedertraf, ist weniger bekannt.

Nachdem Hegel in Tübingen seine Studien der Philosophie und Theologie abgeschlossen hatte, wurde er zunächst Hofmeister – also Hauslehrer – bei der Familie von Steiger in Bern. Als sein Vertrag dort auslief und er nach einer neuen Stellung suchte, vermittelte ihm Friedrich Hölderlin (1770-1843) einen Hofmeisterposten. Die Bekanntschaft und Freundschaft mit dem heute berühmten Dichter rührte aus dem Tübinger Stift her – der Ausbildungsstätte für württembergische Theologen, die hohes Niveau mit kargen Lebensbedingungen verband. Dritter im Bunde war dort der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854). Die Legende, dass die drei dort eine gemeinsame Stube bewohnt hätten, ist zwar nicht ganz falsch, aber doch etwas schönfärberisch – in Wahrheit war es ein Schlafsaal, der von zahlreichen weiteren Stiftlern mitgenutzt wurde. Pfarrer, wie es eigentlich erwünscht gewesen wäre, wurde keiner der drei Freunde, obwohl das Pfarrerdasein ein sicheres Auskommen versprach. Auch Hölderlin verdiente wie Hegel seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer, nämlich bei der Familie Gontard in Frankfurt – er verliebte sich in die Hausherrin Susette Gontard und machte sie dann als Diotima literarisch unsterblich. Und er hatte die Möglichkeit, in Frankfurt etwas für seinen Freund zu tun – er brachte ihn als Hauslehrer in der Familie des Weinhändlers Gogel unter. Die Familie Gogel war mit der Familie Gontard verwandt, was der Vermittlung zugrunde gelegen haben dürfte. Im Januar 1797 trat Hegel die Stelle an.

Johann Noé Gogel III. war Weinhändler, Bankier und – was bei den reichen Patriziern der Stadt nicht ungewöhnlich war – als Senator auch in der Stadtpolitik aktiv. Sein Vater war ein passionierter Büchersammler gewesen, was dem Philosophen sehr zupass kam. Verheiratet war Gogel mit Margaretha Sybilla Gogel, geb. Koch. Die Eleven, die Hegel in der Familie betreuen sollte, waren nicht die Kinder des Ehepaars sondern Gogels Neffen – ihr Vater, Gogels Bruder, war früh verstorben und so wuchsen der 1797 elfjährige Johann Matthias Gogel und sein neunjähriger Bruder Johann Noé Gogel IV. bei ihrem Onkel auf. Das Haus der Gogels – das Haus zur goldenen Kette – befand sich am Roßmarkt 15 und damit in allerbester Lage. Hegel wohnte in der Mansarde des Hauses. Zum Großen Hirschgraben, in dem sich das Haus der Gontards befand, wo Hölderlin arbeitete, war es nicht weit. Am Großen Hirschgraben befand sich auch das Geburtshaus Goethes, heute als Goethehaus bekannt, der Dichter wohnte aber nicht mehr hier, sondern in Weimar. Auch seine Mutter Catharina Elisabeth Goethe wohnte dort nicht mehr, sondern ebenfalls am Roßmarkt, im Haus zum Goldenen Brunnen. Zentral ist der Roßmarkt heute immer noch; allerdings hat er nach schweren Kriegszerstörungen inzwischen ein anderes Gesicht.

Hegel fand schnell Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen in Frankfurt. Vor allem aber wurde der Kontakt mit Hölderlin, der – nachdem er wegen der Liaison mit Diotima als Hauslehrer untragbar geworden war – nach Homburg vor der Höhe auswich (der Zusatz „Bad“ im Ortsnamen kam erst 1912 dazu) – und den beiden Homburgern Jakob Zwilling (1776-1809) und Isaac von Sinclair (1775-1815), mit denen ihn Hölderlin in Kontakt gebracht hatte, wichtig. In dem von ihnen gebildeten Kreis – Hegel wanderte oft von Frankfurt nach Homburg – wurden philosophische Fragen diskutiert, die für die Herausbildung von Hegels philosophischem Denken von erheblicher Bedeutung waren. Nachdem der Einfluss Hölderlins auf Hegel schon länger bekannt war, wird inzwischen auch die Rolle Zwillings intensiver erforscht. Aber auch von Sinclair war philosophisch interessiert, spielte eine wichtige Rolle im Kreis und hielt auch später noch eine Verbindung zu Hegel aufrecht, den er für seine eigenen, in den 10er Jahren entstandenen philosophischen Schriften kontaktierte.

Die Frankfurter Zeit brachte wesentliche Weichenstellungen für Hegels Philosophie. Er befasste sich mit historischen und politischen Lektüren und las Werke von David Hume, Montesquieu und Edward Gibbon. Seine hier entstandenen Manuskripte, die sämtlich zu seinen Frühschriften zählen, befassen sich mit religionsgeschichtlichen und -philosophischen Fragen, aber auch mit ganz anderen Dingen, wie mit der Geometrie oder mit Schillers Wallenstein, den dieser 1799 vollendet hatte. Unter dem Einfluss von Aristoteles, Spinoza, Fichte und Schelling entwickelte er erste Ansätze zu einem eigenen philosophischen System.

1799 starb Hegels Vater in Stuttgart. Die 3150 Gulden, die er von ihm erbte, gaben ihm den finanziellen Spielraum, den er brauchte, um eine Universitätskarriere anzustreben. Und so verließ er Ende 1800 Frankfurt, um nach Jena zu gehen, das er im Januar 1801 erreichte. Die in Frankfurt entstandenen Schriften sind in den Werkausgaben Hegels unter „Frühschriften“ eingeordnet. Sie zeigen den Philosophen auf dem Weg zu dem System, das seinen Ruhm begründen sollte und werden deshalb seit einigen Jahrzehnten verstärkt von der Forschung beachtet.

*****
Textquellen:

Vieweg, Klaus: Hegel, Der Philosoph der Freiheit, München: C. H. Beck, 2019.

Wiedmann,Franz: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Hamburg: rororo Monographie, 1975.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Frühschriften II, Hamburg: Felix Meiner Verlag.

Hanke, Thomas; Schmidt, Thomas M. (Hrsg.): Der Frankfurter Hegel in seinem Kontext, Frankfurt: Vittorio Klostermann, 2014.


Bildquellen:

Vorschaubild: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Urheber: Hugo Bürkner via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt am Main Roßmarkt, AK, 1903, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons CC0.

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, etwa 1792 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Der Erfinder des Apfelweins
von Karl Wilhelm Ferdinand Enslin
MEHR
Der Brickegickel
von Sabine Gruber
MEHR
Der Schwedenschuß
von Karl Wilhelm Ferdinand Enslin
MEHR
Die Marktschiffe
von Sabine Gruber
MEHR
Die Pest zu Frankfurt
von Karl Wilhelm Ferdinand Enslin
MEHR
Werbung
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen