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Das Gallustor (früher Galgentor)

Das Gallustor (früher Galgentor)

Sabine Gruber

Dass ausgerechnet das prächtigste der Frankfurter Stadttore, das Galgentor, das heute aus dem Stadtbild verschwunden ist, so einen unattraktiven und furchteinflößenden Namen hatte, gefiel den Frankfurterinnen und Frankfurtern des 17. und 18. Jahrhunderts nicht mehr und immer häufiger wurde anstatt der anstößigen Bezeichnung der attraktivere, von einem mittelalterlichen Missionar entlehnte Name "Gallus" verwendet. - So lange, bis schließlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts der offizielle Name daran angepasst wurde. Nicht nur das Tor, sondern auch die in der Nähe gelegene Galgenwarte und die Galgengasse erhielten den Namen des Heiligen, der besser zu einer aufstrebenden Großstadt passte als die mittelalterliche Bezeichnung. Der Stadtteil, der um das frühere Galgenfeld hinter der Warte entstand, erhielt passenderweise gleich den attraktiven neuen Namen Gallus, und um die neue Bezeichnung plausibel zu machen, wurde 1905 die neue Kirche Sankt Gallus für die im Stadtteil wohnenden Katholiken errichtet. Schon im späten 18. Jahrhundert hatte der in der Kleinen Gallusgasse gelegene Brunnen eine Statue des Heiligen Gallus erhalten.

Nach dem Abriss der Richtstätte im Jahr 1806 war das Galgenfeld zunächst als Paradeplatz für die französische Armee genutzt worden. Bettine Brentano (spätere von Arnim) beschrieb in einem Brief an ihre Freundin Caroline von Günderrode, wie der Galgen abgeschlagen und das Galgenfeld danach von den Franzosen genutzt worden war: "Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen, der Galgen ist abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut, ich glaube gar mit seiner Bildsäule, und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest, wobei noch allerlei Belustigungen vorfielen; daß das Galgenfeld zu diesem Platz ausersehen war, machte besonders den Sachsenhäusern Spaß." In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Feld für landwirtschaftliche Zwecke verwendet. Später entstanden dort die drei Frankfurter Westbahnhöfe, die 1888 durch den Hauptbahnhof ersetzt wurden. Stadtpläne aus der frühen Neuzeit zeigen den noch intakten Hinrichtungsplatz auf dem Galgenfeld auf einem gemauerten Podest an der durch das Galgentor führenden Landstraße nach Mainz.

Dass das von 1381 bis 1392 errichtete Galgen- bzw. Gallustor in der seit 1333 errichteten Stadtmauer, das stadtauswärts zur mittelalterlichen Richtstätte auf dem Galgenfeld führte, besonders repräsentativ gestaltet und großzügig angelegt war, lag daran, dass im Mittelalter nicht nur zum Tode Verurteilte durch das Tor aus der Stadt geführt wurden, sondern in umgekehrter Richtung seit dem Ende des 14. Jahrhunderts auch neu gewählte Kaiser durch dieses Tor mit ihrem Gefolge die Stadt betraten, um dort gekrönt zu werden. Das Tor führte zum Roßmarkt in der Mitte der Altstadt. Vor dem Tor führte eine Brücke über den Stadtgraben. Der Torturm war in der Mitte mit dem Frankfurter Stadtwappen, dem doppelköpfigen Adler, geschmückt. Auf der linken Seite befand sich ein Standbild des Heiligen Bartholomäus, des Frankfurter Stadtheiligen, auf der rechten Seite eine überlebensgroße Statue Karls des Großen, auf den Frankfurt seinen Ursprung zurückführt. Die Köpfe der beiden Standbilder befinden sich noch heute im Frankfurter Historischen Museum und lassen die Dimensionen und die Repräsentativität des einstigen Tores erahnen.

Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde das Tor im Zuge einer Erneuerung und Verstärkung der Stadtmauern durch weitere Bollwerke ergänzt, die unter anderem auf einem Aquatintastich zu sehen sind, den Gottlieb Prestel (1739-1808) vom Gallustor angefertigt hat. Wie ein Gemälde von Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) zeigt, waren das Gallustor und die es umgebende Stadtmauer auch vom Goethehaus aus gut zu sehen. 1809 wurde das Tor mit der Brücke und den Bollwerken im Zuge der Niederlegung der Frankfurter Stadtbefestigung abgebrochen und das frei gewordene Gelände zum Teil des Frankfurter Anlagenrings, der längs der ehemaligen Stadtmauern angelegt wurde. Der mittelalterliche Torbau wurde zunächst durch das elegante, klassizistische Taunustor ersetzt bis auch dieses abgerissen wurde.

 

 

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Textquellen:

Arnim, Bettina von: Werke und Briefe; Konrad, Gustav; Müller, Joachim (Hrsg.),Frechen, 1959.

Härter, Karl: Galgenlandschaften: Die Visualiserung und Repräsentation von Städten und Räumen der Strafjustiz in bildhaften Medien der Frühen Neuzeit in: Raum und Recht: Visualisierung von Rechtsansprüchen in der Vormoderne, v. Baumann, Anette; Schmolinsky, Sabine; Timpener, Evelien ( Hrsg.). Berlin/ Boston, 2020, S. 109-137.

Führer durch die Bergstrasse und den Odenwald, sowie Frankfurt a. M., Taunus und Rheingau: Historisch-topographisch bearbeitet, zweite verbesserte und vermehrte Auflage, mit zwei Spezialkarten und fünf Städteplänen nebst Annoncen-Anhang, Weinheim, 1876.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan, Kramer, Waldemar (Hrsg.), sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Munzel-Everling, Dietlinde: Rolandfiguren und Kaiserrecht: Zum rechtshistorischen Hintergrund der Errichtung von Rolanden in: Rolande, Kaiser und Recht: Zur Rechtsgeschichte des Harzraums und seiner Umgebung, Pötschke, Dieter (Hrsg.), Berlin, 1999, S. 133-157.

Nordmeyer, Helmut: Von Kaschemmen und Nobelherbergen: Gastronomie in Alt-Frankfurt, Erfurt, 2013.

>https://bildersammlung-prehn.de/de/prehn/das-alte-gallustor-frankfurt< abgerufen am 14.04.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Galgentor< abgerufen am 14.04.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurt-Gallus< abgerufen am 14.04.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Blick vom Goethe-Haus zum Galgentor, um 1750, Urheber: Carl Theodor Reiffenstein via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt Am Main-Stadtbefestigung-Galgentor-Faber-1552, Urheber: Conrad Faber von Kreuznach via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt Am Main-Johann Kaspar Zehender-AVFAMZZDJG-015-Galgenfeld mit dem Galgen, 1782, Urheber: Johann Caspar Zehender via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Abbrucharbeiten vor dem Galgentor 1805, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt Gallustor vor 1809, Urheber: Gottlieb Prestel via Wikimedia Commons Gemeinfrei.
 

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