Das dreigeschossige repräsentative Haus mit dem hohen, verzierten Giebel in der Höchster Altstadt fällt auf und das zu Recht, denn das als Adelshof errichtete Gebäude hatte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder bedeutende Bewohner und Bewohnerinnen und übernahm zeitweise sogar die Funktion des Rathauses. Auch die Adresse des Hauses klingt ungewöhnlich: die „Wed“. Dabei handelt es sich um einen Hinweis auf den früher vor dem Haus liegenden Teich, der in der brandgefährdeten, von Fachwerkgebäuden geprägten Höchster Altstadt nicht zuletzt als Löschteich dienen sollte. Das Greiffenclausche Haus ist jedoch kein Fachwerkhaus, sondern wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts als Massivbau errichtet, was seine Bedeutung noch einmal unterstreicht. Die Architekten, möglicherweise die Brüder Oswald und Jakob Stupanus, die das Höchster Rathaus entworfen haben, folgten mit ihrem Entwurf dem zeittypischen Stil der Renaissance und auch der Rollwerkgiebel entsprach dem Geschmack der Erbauungszeit. Das im Fall des Greiffenclauschen Hauses farblich dunkel abgesetzte Rollwerk ist ein aus Bandformen bestehendes, für den Manierismus typisches Schmuckelement, das sich nicht nur an Giebeln, sondern auch in Drucken der Zeit findet. Die Fenster des Hauses sind in zwei und dreifenstrige Gruppen gegliedert. Der ebenfalls auf das 16. Jahrhundert zu datierende Treppenturm im Innenhof stammt noch von der zum Ende des 19. Jahrhunderts abgerissenen Zehntscheune. Im Hof des Greiffenclauschen Hauses war seit 1746 der erste Sitz der Höchster Porzellanmanufaktur.
Die Namensgeber des Hauses, die aus dem Rheingau stammenden und immer wieder im Dienst der Mainzer Erzbischöfe stehenden Herren von Greiffenclau zu Vollrads, waren zwar spätere Besitzer des Gebäudes, Bauherren waren aber vermutlich die Herren von Heusenstamm, die am Zugang zum Keller ihr Wappen angebracht haben. Wann die Herren von Greiffenclau das Haus erwarben und wann sie es aufgaben, ist unbekannt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte jedenfalls der damalige Schultheiß Friedrich Rüffer nicht nur seinen Wohnsitz in dem stattlichen Haus am Wed, sondern auch seinen Amtssitz, weil es ihm praktischer erschien, sein Büro im eigenen Haus einzurichten oder weil ihm die entsprechenden Räume im Höchster Rathaus nicht gefielen. Das Greiffenclausche Haus war also zeitweise quasi das Rathaus von Höchst. Diese Konstellation endete im Dezember 1848, als infolge der 48er Revolution das Amt des Schultheißen durch das Amt des Bürgermeisters ersetzt wurde, weil das System der staatlich eingesetzten Schultheißen als nicht mehr akzeptabel erachtet wurde. 1849 trat der erste Höchster Bürgermeister Andreas Adelon (geb. 1816), ein Höchster Amtsschreiber, sein Amt an.
Der ehemalige Schultheiß Rüffer amtierte zwar nicht mehr im Greiffenclauschen Haus, wohnte dort aber weiterhin mit seiner Familie. In Höchst wurde das Greiffenclausche Haus nach der dort lebenden Familie auch „Rüffersches Haus“ genannt. Kathinka Rüffer, verheiratete Reuting, eine Enkelin Rüffers, lebte dort noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Im August 1878 brachte sie im Greiffenclauschen Haus ihre Tochter Frieda zur Welt, die als Frieda Düsterbehn-Reuting das alte Höchst später deutschlandweit bekannt machte. Frieda Reuting hatte zwar 1898 den Chemiker Fritz Düsterbehn geheiratet und war mit ihm nach Heidelberg gezogen, ihre Höchster Jugend blieb in ihrem Leben aber stets präsent. Sie begann früh mit dem literarischen und publizistischen Schreiben und veröffentlichte in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze, Gedichte und Erzählungen, oft in hochdeutscher Sprache. Ihr Hauptwerk, die „Höchster Scherwe. Geschichten aus dem alten Höchst“, das 1922 im Verlag der Höchster Buchhandlung Bärsch erschienen ist, hat sie dagegen im Höchster Dialekt verfasst.
Das Greiffenclausche Haus wurde in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts umfangreich renoviert. Heute gehört es der Stadt Frankfurt und beherbergt neben Wohnungen auch das Büro der Bürgervereinigung Höchster Altstadt.
*****
Textquellen:
Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. Regierungsbezirk Darmstadt. München/ Berlin 2008
Das Hessenbuch. Hg. von Reinhard Strecker. Marburg 1918
Sabine Hock: Adelon, Andreas. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/361 (abgerufen am 10.4.2026)
Heinz Knoth: Zeit- und Lebensbilder – Höchster Bürgermeister: 1849 bis 1928. Frankfurt a. M. Höchst 1963 (= Höchster Geschichtshefte 3)
Elisabeth Lücke: Frankfurt. Neue Rundgänge durch die Geschichte. Erfurt 2012
Karl Neurath: Höchster Scherwe. Geschichten aus dem alten Höchst. Von F. Reuting. Höchst a. M. 1922, Herberth Bärsch. 79 S., Wörterbuch der Höchster Mundart. Von F. Reuting. Ebenda. 51 S. Rezensionen in: Die Literatur. Monatsschrift für Literaturfreunde, 26. Jg., S. 123
Adrian Seib: Frankfurt am Main. Ditzingen 2020
>https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chster_Altstadt< abgerufen am 10.4.2026.
>https://deu.archinform.net/projekte/11026.htm< abgerufen am 10.4.2026.
>https://www.pro-hoechst.de/fileadmin/archiv/pro-hoechst/pro_hoechst_broschuere.pdf< abgerufen am 10.4.2026.
>https://geschichtsvereinhoechst.de/portfolio-item/frieda-duesterbehn-reuting/< abgerufen am 10.4.2026.
>https://geschichtsvereinhoechst.de/wp-content/uploads/2025/04/2025-FNP-Mundart-Hoechst-Duesterbehn-Reuting-Nachlass.pdf< abgerufen am 10.4.2026.
Bildquellen:
Greiffenclausches haus, Wed 13, Uhrheber: Eva K., gemeinfrei via Wikimedia Commons.