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Heute gilt Büchner unbestritten als Begründer der modernen deutschen Literatur. Lassen Sie sich auf eine Begegnung mit dem rebellischen und jung verstorbenen Dichter und seinem ungewöhnlichen Werk ein.

Der Biegwald

Der Biegwald

Sabine Gruber

Der 18,4 Hektar große Biegwald, ein Wäldchen mit einer sehr reichen Flora und Fauna und mit teils 200jährigem Hainbuchen-, Ulmen- und Eichenbestand, verbindet noch heute die früher selbstständigen Orte Rödelheim und Bockenheim im Westen Frankfurts miteinander. Allerdings würde man das Waldgebiet zwar nach wie vor gern für Spaziergänge nutzen, aber nicht mehr als wichtige Verkehrsverbindung zwischen den beiden Frankfurter Stadtteilen wahrnehmen. Das war früher einmal anders, denn hier verlief bereits vor der Gründung Frankfurts eine aus Mainz kommende uralte Straße. Sie führte über die Biegbrücke an Rödelheim vorbei durch Bockenheim, an den Diebsweg und an der Friedberger Warte vorbei nach Bergen (heute: Bergen-Enkheim). Darauf, dass die Grenze zwischen Rödelheim und Bockenheim, und damit in der Vergangenheit die Grenze zwischen der Grafschaft Solms-Rödelheim und der Grafschaft Hanau (bzw. dem Kurfürstentum Hessen), durch den Biegwald verlief, verweisen noch mehrere erhaltene Grenzsteine aus dem 18. Jahrhundert.

Der Biegwald war und ist aber nicht nur wichtig durch die Verkehrsverbindungen, die hier verliefen, sondern er ist, als – neben dem Niedwald – letztes Überbleibsel eines sehr alten, großen Waldes, der sich ursprünglich über große Teile des Maintales und Niddatales erstreckte, noch heute ein wichtiges Naturdenkmal. Deshalb wurde er auch zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Bis ins 19. Jahrhundert war der Biegwald noch wesentlich größer als heute und umfasste damals 79 Hektar. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgten, um Bauland zu gewinnen, jedoch umfangreiche Rodungen. Seit 1897 gehört der Biegwald der Stadt Frankfurt. Zuvor, seit 1870, war er privates Eigentum der Firma Lönholdt gewesen, und in den Jahrhunderten davor hatte der Biegwald häufig seine Besitzer gewechselt, darunter auch die bekannten Geschlechter von Glauburg und von Holzhausen. Der Erwerb des Biegwaldes durch die Stadt Frankfurt, ursprünglich sollte damals auch ein Waisenhaus auf dem Gelände errichtet werden, die Pläne zerschlugen sich jedoch, war nicht unumstritten. Vor allem wurde immer wieder auf die feuchte Luft und den moorigen Untergrund verwiesen, durch den der Wald als Erholungsort nicht geeignet sei. Am 16. November 1897 stimmte jedoch die Mehrheit der Stadtverordneten für den Erwerb, und der Biegwald konnte für 12.650,26 Mark von der Stadt Frankfurt gekauft werden.

Seinen Namen hat der Wald von dem bereits im Hochmittelalter aufgegebenen Dorf Biegen, das seinerseits, so eine der möglichen Erklärungen, nach den seit dem 12. Jahrhundert erwähnten Herren von Biegen benannt worden war. Das Adelsgeschlecht hatte eine Burg im Nieder Wald, die auf den Mauern eines römischen Kastells erbaut worden war. Ihr erster namentlich bekannter Vertreter war ein Siegfridus de Biga, der in einer Urkunde aus dem Jahr 1151 erwähnt wird. Eine andere Erklärung führt den Namen auf ein kaiserliches Leben zurück, das in Urkunden als „Biegerburg“ bezeichnet wurde. Eine volksetymologische Erklärung wollte den Namen gar auf die früher hier vorhandene Biegung der Nidda zurückführen. Dafür bieten die historischen Quellen aber keinen Anhaltspunkt.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war das im Biegwald gelegene Restaurant „Forsthaus Biegwald“ ein beliebtes Ausflugslokal, das aufgrund einer ungeschickt formulierten Werbeanzeige 1898 sogar einmal in der Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ erwähnt wurde. Das Restaurant hatte damals angekündigt: „Gänseeier, selbstgel., tägl. frisch im Forsthaus Biegwald.“ Der „Kladderadatsch“ machte aus dieser schrägen Formulierung „Die Kunst, Gänseeier selbst zu legen, wäre entschieden ein Mittel, wodurch der nothleidenden Landwirthschaft aufgeholfen werden kann.“ Auch die Frankfurter Studenten suchten in ihrer Freizeit gern den Biegwald auf, und im 19. Jahrhundert soll Otto von Bismarck als preußischer Gesandter beim Deutschen Bundestag sogar ein Duell im Biegwald geplant haben. Aufgrund der noch rechtzeitig erfolgten Aussöhnung der beiden Kontrahenten konnte es aber noch abgesagt werden.

1942 wurde das Forsthaus Biegwald durch einen Luftangriff zerstört und nicht wieder aufgebaut. In der Nähe seines früheren Standortes, am westlichen Ende des Biegwalds, kann man heute im „Haus Biegwald“ einkehren und kroatische und deutsche Küche genießen. Darüber hinaus locken Spielplätze und Spielwiesen zu Wochenend-Ausflügen in den Biegwald. Auch der Sportverein „TGS Vorwärts 1874 e. V. - Sportverein in Frankfurt am Main“ hat seinen Sitz am westlichen Ende des Waldes. An den Biegwald erinnert auch ein Straßenname: der in der Nähe des Wäldchens, zwischen Ludwig Landmann-Straße und Rebstöcker Weg, verlaufende Biegweg.


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Textquellen:

Budenz, Reinhold: Aus der Geschichte Rödelheims, 2. Aufl., Frankfurt a. M., 1971.

Cohausen, A. v.: Die unter der Fahrgasse verborgenen Bogen der Mainbrücke in: Mittheilungen an die Mitglieder des Veriens für Geschichte und Alterthumskunde in Frankfurt a. M., 3. Bd., Frankfurt a. M., 1868, S. 100-102.

Latsch, Marie-Luise: Bockenheimer Straßen erzählen von gestern, heute und morgen: Die Freunde Bockenheims e.V.- Verein für Ortsgeschichte (Hrsg.), Mammendorf, 2006.

Kladderadatsch, Bd. 51, 1898.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Biegwald < abgerufen am 27.10.2018.

> https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2793&_ffmpar[_id_inhalt]=101744 < abgerufen am 27.10.2018.

> https://geo.viaregia.org/testbed/index.pl?rm=obj&objid=18452 < abgerufen am 27.10.2018.


Bildquellen:

Vorschaubild: Fußgängerbrücke Nidda, Mühlgraben, Rebstöcker Weg, 2006, Urheber: Melkom via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Frankfurt Biegwald, 2013, Urheber: 25asd via Wikimedia Commons CC0.

Frankfurt Rödelheim Bockenheim Biegwald, 2013, Urheber: 25asd via Wikimedia Commons CC0.